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Wissenschaftliche Tagungen

Vorbemerkung

Rapstagung in Prag, Tschechien

Rapstagung in Prag, Tschechien

Wissenschaftliche Tagungen sind neben Publikationen in Fachzeitschriften ganz zentrale Foren, um mit Kolleginnen und Kollegen die Ergebnisse der eigenen Forschung zu diskutieren und sich umgekehrt auch über die aktuellen Arbeiten und Fortschritte anderer Arbeitsgruppen zu informieren. Darüber hinaus bieten Tagungen aber immer auch die Möglichkeit zum sozialen Austausch und – je nach Größe und Ort der Tagung – können auch Land und Leute kennengelernt werden, was ja für den agrarwissenschaftlichen Bereich auch schon wieder ein fachliches Moment haben kann. Einige Aspekte von Tagungen und Kongressen sind immer gleich oder zumindest sehr ähnlich und bevor der Tagungsblog    zu einem Bericht von der aktuellen Veranstaltung führt, möchte ich einige allgemeine Hinweise geben, um so in diese etwas eigene und oft auch ungewöhnliche Welt der Wissenschaft einzuführen.

Die folgenden Ausführungen beruhen einzig und allein auf den persönlichen Erfahrungen und Kenntnissen im weiteren Bereich der Agrar- und Umweltwissenschaften und müssen für andere Wissenschaftsbereiche nicht in jedem Fall übertragbar sein. Ich selbst war noch als Diplomand - Achtung Historie – 1986 auf meiner ersten Tagung. Damals ging es von Kiel nach Wien zur Jahrestagung der Gesellschaft für Pflanzenbauwissenschaften (GPW). Es sind also schon einge Tagungen, die im Rückblick zu betrachten sind.

Ablauf einer wissenschaftlichen Tagung

Der Regelfall ist eine enge Verbindung zwischen einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft und der Organisation von Fachtagungen. Dies zumindest stimmt auf nationaler und europäischer Ebene. Fachgesellschaften wie z.B. die Gesellschaft für Pflanzenbauwissenschaften (GPF)    organisieren im festgelegten Turnus eine Jahrestagung. Auf europäischer Ebene ist der Turnus oft länger. So findet die Tagung der European Society for Agronomy (ESA)    alle zwei Jahre statt. Auch die Zeitdauer ist variable und reicht von einem bis zu mehr als fünf Tagen, wobei tendenziell internationale Tagungen länger sind. Wer reist schon für einen Tag um die halbe Welt?

Auf der Tagung selbst gibt es dann drei verschiedene Formen zu Präsentation  von Forschungsergebnissen. Verbunden mit großem Renommee sind die Hauptvorträge oder englisch „Keynotes“. Hier sprechen die führenden Kolleginnen und Kollegen aus einem Spezialgebiet über ihre eigene Forschung, geben aber auch einen Überblick zu den aktuellen Entwicklungen. Keynotes sind durchaus länger und können zwischen 30 und 60 min dauern. Um diese Koryphäen zu einer bestimmten Veranstaltung zu bekommen werden teilweise von der Veranstaltungsleitung die Reise- oder Unterbringungskosten übernommen. In unseren Fachgebieten ist ein Honorar für den Vortrag eher selten. Manchmal gibt es aber auch nur den berühmten warmen Händedruck. Ich selbst war im Laufe der Jahre zu Keynotes über Fruchtfolgen im Raps und zu nachhaltigen Produktionssystemen in Raps und Zuckerrüben geladen, was sich ja auch in den Arbeitsgebieten an der Professur widerspiegelt, oder besser umgekehrt.

Darüber hinaus gibt es kürzere manchmal thematisch sortiere Vorträge von Tagungsteilnehmern. Hier wird über eigene Forschung berichtet und der zeitliche Umfang beträgt 10 bis 20 Minuten. Last not least, bestimmen Präsentationenpräsentationen die Tagungen, wobei hier meist bestimmte Zeiten für die Beschäftigung mit den Postern vorgesehen sind.

Teilweise gibt es auch kleine Seminare oder Workshops, in denen dann Diskussions- oder Fortbildungsmöglichkeiten zu Spezialthemen bestehen.

Am Rande von diesen Tagen finden dann auch die Mitgliederversammlungen der Fachgesellschaften und weitere Treffen z.B. mit Herausgebern von Zeitschriften oder Buchverlagen statt. Ergänzt werden die Tagungen schließlich durch Fachexkursionen (s.u.) und gesellschaftliche Veranstaltungen.

Organisation und Finanzierung

Der organisatorische Aufwand und auch das finanzielle Risiko von wissenschaftlichen Tagungen sind eng mit der Größe der Veranstaltung verbunden. Bei den üblichen Jahrestagungen beträgt der Vorlauf meist ein Jahr zur Organisation des Tagungsortes und des Ablaufes. Hier müssen dann die Hauptsprecher (s.o. „Keynote“) ausgewählt werden und es wird eine Folge von Postern und Vorträgen bestimmt. Die Teilnahmegebühr ist gering und auch der Gesamthaushalt einer solchen Tagung ist mit wenigen Tausend Euro überschaubar. Außerdem ist die Zahl der Teilnehmer recht gut abschätzbar, so dass das Risiko gering ist. Diese Tagungen werden mehr oder minder komplett mit allen Doktorandinnen und Doktoranden besucht.

Bei europäischen Kongressen beträgt die Vorlaufzeit dann schon zwei bis vier Jahre und all die genannten organisatorischen Fragen müssen sehr frühzeitig - und auch rechtsverbindlich (!) – geklärt werden. Bei der Auswahl der Sprecher sind dann umfangreiche Komitees mit Fachkolleginnen und – kollegen eingebunden, die sich über email oder Telefon über die besten Vorträge und die Einteilung in Sektionen verständigen. Vor Ort gibt es dann noch ein Komitee, das sich mit den rein organisatorischen Belangen und der Finanzierung befasst. Das finanzielle Risiko wächst. Der Haushalt einer solchen Tagung beträgt sehr schnell mehrere 10.000 Euro. Hier stellt sich schon sehr stark die Frage der Haftung bei einem Defizit ganz besonders wenn die Fachgesellschaften im Hintergrund nicht über entsprechende Rücklagen verfügen.

Am größten ist der Aufwand dann bei Weltkongressen. Meine Erfahrungen beruhen hier auf zwei ICSC Tagungen 2000 in Hamburg und 2004 in Brisbane, sowie der engen Einbindung in den Rapskongress in Prag in 2011. Hier ist die Vorbereitungszeit 4-8 Jahre (!) und das finanzielle Volumen – mit dem nun schon mehrfach erwähnten Risiko – liegt bei mehreren 100.000 Euro. Ohne Sponsoren und Geldgeber der öffentlichen Hand oder der Industrie ist eine solche Tagung kaum zu finanzieren. Trotzdem sind die Tagungsgebühren nicht selten mehrere hundert Euro, so dass der Besuch mit größeren Anzahlen von Mitarbeitern oft sehr schwer finanzierbar ist, wenn nicht im Forschungsantrag schon ausreichend Geld hierfür eingeplant wurden. Um ein Beispiel für den organisatorischen Aufwand zu geben. Für den Weltkongress 2000 in Hamburg hatten wir uns in der Vorbereitung über 4 Jahre alle paar Monate getroffen und im letzten Jahr vor der Tagung flogen dann 10 bis 15 Kollegen einmal im Monat nach Deutschland, um den Fortschritt zu besprechen. Langeweile kommt also nicht auf.

Bedeutet nun hier “größer ist immer besser“ streng nach dem englischen „size does matter“? Ein klares nein. Oft sind eher die kleineren Tagungen mit Workshop- und Seminarcharakter für den wissenschaftlichen Austausch wesentlich besser geeignet, als Kongresse mit mehreren tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmern, bei denen man/frau dann immer das Gefühlt hat sich auf dem Hamburger Dom, der Kieler Woche oder dem Dresdener Strietzelmarkt zu bewegen, um einmal meine persönlichen Lebensstationen einzuflechten.

Ein Beispiel: So war eine kleine Tagung mit knapp 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im italienischen Catania zu Fragen des „Farming Systems Design“ nach meiner subjektiven Sicht die beste Tagung auf der ich bislang war. Umgekehrt habe ich sehr große Tagungen mit einem schalen Gefühl und eher schlechtem Gewissen, ob der Reise- und Tagungskosten verlassen. Leider ist das vorab nicht ersichtlich und so wird es sich kaum vermeiden lassen.

Tagungsorte

Aquarium im kalifornischen Monterey besucht am Rande einer Tagung

Aquarium im kalifornischen Monterey besucht am Rande einer Tagung

Aquarium im kalifornischen Monterey besucht am Rande einer Tagung

Bei Tagungsorten gibt es wie bei der Telnehmerzahl von Tagungen eine immense Spannweite. Nationale Tagungen, die durch wissenschaftliche Fachgesellschaften organisiert sind und so bis zu 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben, finden eigentlich immer an Universitäten außerhalb der Vorlesungszeiten statt. So lassen sich die Kosten im Rahmen halten. Bei größeren internationalen Tagungen werden demgegenüber oft größere Städte mit einem attraktiven – auch touristischen - Zusatzprogramm geboten, um die Teilnehmerzahl zu steigern. Wer 10.000 km fliegt, will auch etwas sehen, so die Überlegung und nicht nur in dunklen Hörsälen. Ein weiterer Gesichtspunkt ist damit auch die Verkehrsanbindung, insbesondere die Nähe zu einem größeren internationalen Flughafen.

Als Konsequenz müssen dann Tagungszentren gewählt und auch teuer bezahlt werden. Ab einer bestimmten Tagungsgröße bestimmen sogar die Teilnehmerzahl die Wahl des Tagungortes, weil mehrere tausend Teilnehmer nur in ausgewählten Einrichtungen unter Berücksichtigung der Hotelkapazitäten untergebracht werden können. Das ist der Grund weshalb Kleinstädte in der Provinz kaum eine Chance auf eine große internationale Tagung haben, mögen diese noch so attraktiv und pittoresk sein. Einige Veranstalter schießen aber über das Ziel hinaus und so finden dann Kongresse in reinen Urlaubsgebieten statt, wo man sich als Tagungsteilnehmer in Schlips und Kragen zwischen fröhlichen Urlaubern am Pool etwas unwohl fühlt.

Exkursionen

Häufig werden Tagungen noch mit Exkursions- und Besichtigungsprogrammen verbunden. In kleinen nationalen Kongressen sind dies eigentlich immer die Versuchsstationen und/oder Labore am Tagungsort. Das ist immer problemlos möglich, da die Tagungsorte ja fast ausschließlich auch an den Standorten von agrarwissenschaftlichen Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen mit entsprechenden Feldversuchen oder Laboren sind. Teilweise spielt einem hier aber die Jahreszeit einen Streich. Der Haupttagungsmonat im agrarwissenschaftlichen Bereich ist der September und hier sind natürlich bei uns im Feld außer Mais Zuckerrüben und vielleicht Grünland nicht so wirklich viel spannendes mehr zu sehen.

Auf größeren internationalen Kongressen wird dafür meist in der Mitte der Tagung ein ganzer Tag reserviert und neben den oben geschilderten Versuchen, gibt es Besuche auf landwirtschaftlichen Betrieben, oder besonderen Nutzungsformen.

Eine besondere Exkursionsform auf internationalen Kongressen sind die so genannten Pre- oder Post- Congresstours. Hier findet vor oder nach der Tagung eine mehrtätige Exkursion zu entsprechen Versuchen, Laboreinrichtungen oder Betrieben statt. Handelt es sich um weit entfernte Tagungsorte im Ausland, die nur selten auf der Liste für Urlaubsreisen stehen, ist dies eine gute – wenn auch recht kostspielige – Möglichkeit sich über landestypische Forschung und Agrarwirtschaft zu informieren.

Mediale Begleitung

Neben dem nun schon mehrfach angesprochenen wissenschaftlichen Austausch sind Kongresse auch eine Möglichkeit besondere Fachinhalte oder die Präsenz bestimmter wissenschaftlicher Fächer in der Öffentlichkeit zu erhöhen. Hier geht der Weg von der einfachen Pressemitteilung, über Pressekonferenzen mit einigen herausragenden Wissenschaftlern bis zu Berichten in Funk und Fernsehen. Dass inzwischen auch soziale Medien eine Rolle spielen, ist selbstverständlich. Gerade bei großen internationalen Tagungen sind die Netzwerke oft schon ein zentraler Bestandteil der Kommunikation. Je nach Zielgruppe werden auch Filmbeiträge auf die entsprechenden Portale gestellt.

Hier ein Beispiel.   

Noch größere Aufmerksamkeit kann durch die Präsentation von bekannten Persönlichkeiten - meist aus der Politik - erreicht werden, die sich i.d.R nach ihrem Karriereende mit "Fachvorträgen" darstellen. Es bleibt hier einmal offen, ob ein solcher Beitrag wirklich fachlichen Wert hat; die Aufmerksamkeit der Mediien ist jedoch gesichert wenn ehemalige amerikanische Präsidenten, ehemalige Regierungschefs oder ehemalige Minister die Tagung mit einem Vortrag im fachlichen Rahmen eröffnen. Dass dies sehr schnell aber auch an finanzielle Grenzen stößt, haben wir bei der Organisation einer Tagung im australischen Brisbane von einigen Jahren erlebt. Hier entstand die Idee einen ehemaligen US-Präsidenten einzuladen, der sich ab und an zu Fragen der Welternährung geäußert hatte. Die Gehaltsvorstellungen lagen dann deutlich im Bereich mehrerer 100.000 $ US für einen Vortrag von knapp einer Stunde. Ob einem bei der Organisation einer Tagung die dann folgende Aufmerksamkeit der Medien diesen Betrag wert ist, muss sehr sorgfältig abgewogen werden.

Vermischtes

Essen im japanischen Obihro

Essen im japanischen Obihro

Mit den Informationen  zu den Exkursionen wären wir direkt auch bei letzten Punkt, bei dessen Überschrift nur zum Ausdruck kommen soll, dass Tagungen auch mehr bieten als die beschriebenen trockenen, wissenschaftlichen Inhalte. In jedem Fall sind Kongresse die zentrale Chance Kolleginnen und Kollegen zu treffen, die man aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen – je nach eigenem Alter – über viele Jahre und Jahrzehnte kennt. Das hat durchaus auch fachliche Facetten, weil so über neue gemeinsame Forschungsideen und Projekte gesprochen werden kann. Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass für den Fortschritt der Wissenschaft die Kaffeepausen zwischen den Vorträgen und die Abendveranstaltungen wichtiger sind als die Vorträge und Symposien. Kennt man nun Kolleginnen und Kollegen über sehr viele Jahre, dann haben Tagungen aber auch immer ein starkes soziales Element, das nach meiner Ansicht am besten mit der Atmosphäre eines Klassen- oder Ehemaligentreffens beschrieben werden kann.

Dass beim Festbankett auch immer landes- oder regionstypische Speisen auf den Tisch kommen, ist selbstverständlich. Je nach Tagungsort reicht dies dann von Renntierschinken, bis zu asiatischen Spezialitäten, die sich deutlich vom Angebot hier bei uns unterscheiden können. Bisweilen wird auch die Grenze zu Feiern und Familientreffen überschritten. Um einige persönliche Erlebnisse zu erwähnen, so ist ein Karaoke-Abend nach einem Besuch einer japanischen Sauna am Rand einer Tagung auf Hokkaido, Japan genauso außergewöhnlich, wie eine – ja so muss man es nennen – rauschende Ballnacht im modernen Parlamentsgebäude im australischen Canberra oder fröhliche Polkas bei einem Kongress im polnischen Warschau. Diese Liste ist nicht vollständig.

Aber auch darüber hinaus bleiben immer wieder bemerkenswerte Momente in Erinnerung, weil man Orte kennenlernen durfte und Erfahrungen gemacht hat, die einem ohne den Besuch von Tagung verwehrt geblieben wären. Sicherlich mehr als eine halbe Stunde habe ich dereinst an einer Straßenkreuzung in Catania, Sizilien voller Staunen den Verkehrsfluss bewundert. Diese Mischung aus Chaos und Ordnung begleitet von einem ohrenbetäubenden Hupkonzert. Oder die abendliche Flamencovorführung nach einem ausgiebigen spanischen Essen in Cordoba, die erst um fast ein Uhr in der Nacht begann. Ganz zu schweigen von einer Weinprobe im Hospize de Beanne in Burgund bei der die Tagungsteilnehmer 22 (!) Weine probieren durften. Diese Liste ist nicht vollständig.

Aktueller Tagungsblog

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