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Rezension Burckhard, Arnulf

Burckhardt, Arnulf. 13 auf einen Streich. Die personelle Veränderung der Professorenschaft an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig 1990 bis 1993. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e. V., Leipzig. 1998. 125 S., 6,- €, ISBN 3-932725-72-7

Dieser Bericht behandelt existentielle Ereignisse der Wendezeit. Einführend bekennt A. B., dass der DDR-Sozialismus an „Lernfähigkeit“ litt, was zum „Verlust an Demokratie und Sachkunde“ führte. Der Autor hat die Ereignisse um die „politische Säuberung“ der Professorenschaft detailreich beschrieben.
Vorangestellt werden Übersichten zu den Professoren von 1945 bis 1993 sowie Ausführungen zur Wiedererlangung der Eigenständigkeit der Fakultät nach der Wende, an deren Profilierung die Entlassenen beteiligt waren. Der Hauptteil der Schrift befasst sich mit dem „Instrumentarium der Hochschulerneuerung“, insbesondere mit der Evaluierung der Vet.-med. Fakultät und den Verfahren der Überprüfung und Entlassung von 13 Professoren, sämtlich Mitglieder der SED, deren beruflicher Werdegang und wissenschaftliche Leistungen abschließend zusammengestellt sind.

Im Rahmen der Erneuerung gab es zwei Vertrauensfragen, eine ehrenamtliche Vertrauenskommission, vielfältige Informationswege und die Überprüfung auf Stasi-Mitarbeit. Durch das zuständige Ministerium wurden dann Personal- und Fachkommissionen von Amts wegen eingesetzt, die die meisten Hochschullehrer angehört haben. Berichtet wird weiterhin über Kommissionen zur Rehabilitation ehemals Benachteiligter sowie für die „Schnellberufung“ der nicht belasteten Hochschullehrer. Später regelten mehrere Berufungskommissionen nach Ausschreibung und Bewerbung die Neubesetzung der freien Lehrstühle.

Der Leser erfährt an Hand dieser glaubhaft vorgetragenen Ausführungen, welche Bewegung und Veränderung auf der einen, aber auch Unruhe und Verunsicherung auf der anderen Seite die Neuordnung der Fakultät begleitet haben. Nachzuvollziehen sind einige Formfehler und Ungereimtheiten. Möglicherweise wurden einzelne Betroffene zu pauschal und nicht hinreichend individuell beurteilt.

Der Autor sieht bei allen entlassenen Professoren weder Verstöße gegen die „Menschlichkeit“ noch Verletzungen der „Rechtsstaatlichkeit“, die seiner Meinung nach allein eine Kündigung gerechtfertigt hätten. Dagegen wurde ein „Streich gegen die Dreizehn ... mit politischer Klinge“ geführt, was der Einigungsvertrag als Sonderkündigung bei besonderer Systemnähe ermöglichte. Damit konnten die vorangegangenen politischen Entscheidungen im Rahmen der „führenden Rolle der Partei“ korrigiert werden.

Der Autor hat diesen Zusammenhang nicht beachtet. Daher kann er seine Mitverantwortung für jenen abgewirtschafteten Unrechtstaat nicht sehen, in dem er eine privilegierte Karriere gesucht und angenommen sowie die Zukunftsträchtigkeit des Systems – wie selbst bekannt – überzeugt postuliert hat. Diese spezielle Mitverantwortung lässt sich bei aller fachlichen Kompetenz weder durch Bemühung heutiger Rechtsvorstellungen noch durch den Verweis auf eine Kollektivverantwortung dergestalt abstreifen, dass angeblich eine „grundsätzliche Übereinstimmung des größten Teils der Wissenschaftler“ mit dem Sozialismus bestanden hat. Recht einseitig klingt auch die pauschale Entlastung der ehrenamtlichen Parteisekretäre der 1980er Jahre, denen es im konfliktvollen Umgang mit dem eigenen System vorrangig um die Interessen der Mitarbeiter und um die Verbesserung des Sozialismus gegangen sei.

Künftige veterinärhistorische Studien zum Thema sollten diese informationsreiche Publikation nicht übersehen. A. B.s Wertungen bilden eine Seite der Ereignisse ab; die andere ist für die Fakultät noch zu formulieren. Der gut lesbare Text kann auch denjenigen empfohlen werden, die sich um ein eigenes Bild zur Hochschulerneuerung in den neuen Bundesländern bemühen.

H. Prange, Halle

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