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Rezension Dankwardt, Ludwig

Dankwardt, Ludwig. Ein Tierarztleben in Mecklenburg 1923-1971. Stock & Stein Verlags-GmbH Schwerin. 2. Auflage 2001. 126 Seiten. € 9,95 (Paperback 21 x 15 cm). ISBN 3-932370-37-6

„Nach 48-jähriger Ausübung des Tierarztberufes bedurfte es eines sanften und passenden Überganges in die Zeit des Ruhestandes. Die von unserem Vater im behaglichen Plauderton niedergeschriebenen Erinnerungen halfen ihm in idealer Weise dazu“. Obwohl L. D. (1897-1978) noch bis 1971 – dann als Staatstierarzt – praktiziert hat, hörten seine Erzählungen 1961 „ziemlich abrupt auf. Mit dem Ende der beruflichen Selbstständigkeit … kam seinem Beruf die Würze abhanden“, schreiben zwei der sieben Töchter in ihrer Einleitung. Danach gießt der Autor seine Erlebnisse in „Zeitgedichte“, die knapp 20 der 126 11/2-spaltig bedruckten Seiten füllen.
Es begann mit diesem:
„Ein Bauer ohne Land fuhr fröhlich im Trabant spazieren.
Ich hab ihn noch gekannt, da ist er nur gerannt, um ja nichts zu verlieren.
Jetzt ist ihm alles Wurst, trinkt täglich übern Durst und will sich amüsieren.
So ändern sich die Leut´, das liegt wohl an der Zeit, ich kann es selber spüren.“

Die lebensnahe Lektüre spannt einen weiten Bogen zwischen den frühen 1920er und den 1970er Jahren, in denen der aus Berlin stammende Autor im mecklenburgischen Neubuckow als praktizierender Tierarzt wirkte. In vielen Geschichten beschreibt er nicht nur Krankheiten und deren Behandlung, Operationen, Geburtshilfen und andere Notfälle, sondern auch den schweren Anfang (mit einem Patienten im ersten Monat), das Wachsen der Praxis (vor allem mit Pferden), die besonderen Bedingungen der Nachkriegszeit (oft Russen und Neubauern als Klientel) ebenso wie die Veränderungen in den Arbeitsinhalten und Praxisstrukturen nach 1961.

Die Erlebnisse auf den Landwegen (mit Fahrrad, Motorrad und dann 2 Autos – 2 mal in dieser Reihenfolge) und in den Ställen (bei „Junkern“ kam er nicht hinein) berichten für den Außenstehenden anschaulich über den tierärztlichen Berufsalltag und für junge Kolleginnen und Kollegen über die großen Veränderungen ihres Berufes. Die Darstellung der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit gewinnt an Tiefgang, wohl da es eine Zeit der besonderen Gefährdungen und Herausforderungen war. Neben den berufsbezogenen Erzählungen sind auch stets die Zeitumstände bedacht, wodurch der regionale Bezug der Handlung eine gesellschaftsbezogene Dimension erhält. So erfährt man Einiges zu den Gewohnheiten der Bauern und Gutsbesitzer vor dem Krieg, über eine Art „Selbstmordepidemie“ unter Letzteren beim Einmarsch der Russen, aber auch über schlimme Aktivitäten einiger weniger Naziaktivisten, die die jüdischen Kaufleute aus dem Ort vertrieben und – später dann – den „Endsieg“ gegen „feindliche“ Panzer verteidigt hätten, wären ihnen nicht couragierte Bürger entgegen getreten. Schließlich ist zu erfahren, wie sich mit gewandelter Macht das Verhalten des Einen und Anderen geändert hat, wie angebliche Tugenden erwachten, um Vorteile – z.B. bei der Bodenreform – zu gewinnen. Einen differenzierten Einblick erhält man auch in die frühe russische Besatzung im Guten wie im Bösen – stets aus der Sicht eines Tierarztes, der tags wie nachts unterwegs war.
Zwischenüberschriften und ein Inhaltsverzeichnis fehlen, das würde die Orientierung erleichtern.

Dieses kurzweilige Büchlein wird Lesern Vergnügen bereiten und Gewinn vermitteln, die sich für zeit- und berufsgeschichtliche Gegebenheiten sowie für die elementaren menschlichen Verhaltensweisen im ländlichen Umfeld jener Zeiten interessieren.

H. Prange, Halle

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