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Rezension Bergfeld, Jost

Bergfeld, Jost: Damals bei uns. Wahre Geschichten, Abenteuer und Kuriositäten aus dem Leben eines praktischen Tierarztes …. Redieck & Schade GmbH Rostock 2003. 162 S., € 11,00 (Paperback 20,5x13 cm). ISBN 3-934116-22-1.

„Old Vet“ (geb. 1923) hat die „wichtigsten Ereignisse aus seinem reichen Leben“ aufgeschrieben, „ehe sie in das große Meer des Vergessens tauchen“. Entstanden ist ein Erzählbuch, dessen Inhalt von Erlebnissen in Jugendjahren bis zu den Erfahrungen als praktizierender Tierarzt in den 1950er Jahren im Kreis Stralsund reicht. Letztere bilden auf etwa 100 eng bedruckten Seiten den Schwerpunkt des Buches, wobei populärwissenschaftliche Erläuterungen zu tiergesundheitlichen Ereignissen und Schilderungen von therapeutischen Handlungen mit den menschlichen Befindlichkeiten der Tierbesitzer und des jungen Tierarztes verknüpft werden.

Während diese fach- und berufsbezogenen Kapitel umfänglich dargestellt sind, berichtet der erste Teil der Publikation punktuell über die späten Kriegs- und frühen Nachkriegsjahre an Hand eigener Erlebnisse. Sie beginnen in einer Heimoberschule im okkupierten Polen, deren Erziehung das „Deutschtum in den Osten zu tragen“ hatte, und sie enden auf einem Bauernhof Schleswig-Holsteins nach einer abenteuerlichen Wanderung durch die Fronten. Diese Darstellungen lassen das innere Ringen des damals Jugendlichen nacherleben, die Vergangenheit zu überwinden und eine Zukunft zu finden. Diese meist kurzen Texte tragen Überschriften wie „Falscher Stolz, Verblendung und jugendliche Überheblichkeit“, „Die letzten Tage des 3. Reiches“, „Die Russen sind da“ und dann auf der Flucht in den Westen „Eine bunte Truppe“, „Russisches Standgericht, dawai“, aber „Ich, ein Holländer“ (der nun plattdeutsch sprach) oder „Grenzübertritt – Amerikaner – Freiheit“.

Auf jener wochenlangen Wanderschaft der Abenteuer und Gefahren – Gewahrnahme, Verhöre, trickreiches Freikommen – durchlebte der jugendliche Autor seinen Wandel der Überzeugungen, woraus sich später ein aufgeklärtes Bewusstsein entwickelte, das ihn vor neuer Vereinnahmung und Verblendung in sozialistischer Zeit schützte.

Auf dem Bauernhof von Verwandten dann mit sinnvoller Arbeit befasst, fand J. B. zur inneren Ruhe in einem wohlgeordneten Umfeld, nicht ohne neue Hinterfragung angesichts des dort ungebrochenen Traditionalismus von Menschen, denen die Schicksalsschläge der Zeit weitgehend erspart geblieben schienen.

J. Bergfeld hat eine inhaltsreiche Buchpublikation vorgelegt. Sie gibt einerseits Auskunft über gesellschaftliche Zustände und eigene Befindlichkeiten in einer bewegten Zeit, zum anderen aber auch tiefe Einblicke in das Leben und Arbeiten eines privaten Tierarztes in jener ehemals durch Güter geprägten Landgegend Vorpommerns.

Leider fehlt ein Inhaltsverzeichnis, in dem die Kapitel nach Schwerpunkten hätten geordnet werden sollen.

Das Büchlein ist mehr als tierärztliche Unterhaltung und Erbauung. Es soll all denen empfohlen werden, die an Zeit- und Lebensgeschichten aus unserer jüngeren Vergangenheit interessiert sind und mehr über den Alltag eines praktizierenden Tierarztes in der späten Bauern- und frühen LPG-Zeit der DDR erfahren wollen.

H. Prange, Halle

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